Bauers Depeschen


Donnerstag, 13. November 2014, 1380. Depesche


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LIEBES PUBLIKUM,

es gibt ein richtiges Leben außerhalb des Internets, und wenn man an diesem Leben teilnimmt und sich damit auseinandersetzt, welche miesen politischen Kräfte immer mehr die Oberhand gewinnen, muss man sich hin und wieder etwas Entspannung gönnen:



FLANEURSALON-INTIM mit Dacia Bridges & Gabriel Holz am Dienstag, 25. November, im Besen 66, Weinsteige. 19 Uhr. Anmeldungen: BESEN 66



FLANEURSALON LIVE mit Zam Helga, Ella Estrella Tischa, Toba Borke & Pheel am Samstag, 29. November, im neuen Selbstverwalteten Stadtteilzentrum Gasparitsch, Ostheim, Rotenbergstraße 125, gegenüber der Friedenau. 20 Uhr. EINTRITT FREI.



FLANEURSALON am Dienstag, 16. Dezember, im Schlesinger. Ein Abend mit neuen Stimmen: Erstmals singen die Stuttgarter Songschreiberin Marie Louise und der afrikanische Musiker Michael Dikizeyeko, begleitet von seinem Gitarristen und Produzenten Steve Bimamisa. Auch der Sänger und Akkordeon-Virtuose Stefan Hiss ist an Bord, und nach einer Pause übernimmt Michael Gaedt wieder mal die Conférence.



Es gibt noch Karten für DIE NACHT DER LIEDER am 9. und 10. Dezember im Theaterhaus. Die 14. Benefiz-Show in dieser Reihe. 2001 hab ich damit begonnen. Karten: THEATERHAUS - Telefon: 07 11 / 4 02 07 20.



Der Klick zum

LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



HUNDEFUTTER

Ein Stadtspaziergänger ist auch nur ein Kamel, das zur Tränke drängt, auch wenn er keinen Drink im Auge hat. Der Mensch hat eingepflanzte Routen, die man aus Gründen der Neugier verlassen müsste. Dennoch stiefle ich auf meiner Schnipseljagd wieder die Treppen zur Rathaus-Unterführung zwischen dem Rondell am Schwabenzentrum und dem Leonhardsviertel hinunter. Eine Schande, dass dieser Zugang, diese Brücke zur Altstadt unter der Stadtautobahn, vergessen und verwaist ist.

Viele Stuttgarter erinnern sich noch an den türkischen Wirt Ali Taner, einen der gastfreundlichsten Männer, die diese Stadt je gesehen hat. Als er im Januar 2006 mit 76  Jahren in Stuttgart starb, war seine 1985 im Rondell vor dem U-Bahnschacht gegründete Kneipe Litfaß schon legendär. Der Laden hatte bis morgens um fünf geöffnet (und ab sechs schon wieder), es gab Türkisches und Kässpätzle, und auf der kleinen Bühne spielten regelmäßig gute Musiker.

Ali Taners Sohn Hasmet verlegte das Litfaß im neuen Jahrtausend auf die gegenüberliegende Seite des Asphaltgeländes, später wurde daraus der Club Madox, und in die ursprünglichen Litfaß-Räume zog die Cocktail-Bar Meyer’s ein. Zuvor hatten viele Jahre lang Kneipengänger auf der Treppe und unten auf dem bewirteten Platz im Freien gesessen und das Umfeld des städtebaulichen Katastrophenkastens namens Schwabenzentrum belebt.

Heute ist der runde Platz in der Tiefe so gut wie tot. Zum Glück beschallt neben dem längst geschlossenen Meyer’s ein Zeitungskiosk unter türkischer Leitung die U-Ebene mit schöner, dezenter Musik. Der Himmel schütze den Laden. Klassik und Jazz aus dem Kiosk sind gut gegen die ­Depression, und womöglich gefällt das auch den beiden Jungs, die manchmal in der Unterführung vier Spendendosen zur Sicherung ihrer Existenz aufstellen. Eine ist per Schild für „Essen“ ausgewiesen, eine für „Hunde­futter“, eine für „Alk“, eine für „Weed“ (kann man in der Pfeife ­rauchen). Als ich die Jungs frage, welcher Geschäftszweig zurzeit am effizientesten arbeitet, lautet die ­Antwort: „Hundefutter“. Man müsste Rex, Trixi oder Rambo heißen.

In den Räumen des ehemaligen Madox arbeiten seit geraumer Zeit Handwerker. Als ich mich erkundige, was da gebaut wird, sagt man mir: wahrscheinlich ein China-Restaurant. Lassen wir das mal so stehen. Jedes Lokal wäre ein Lichtblick in diesem Stadtloch. Wie gesagt, ich war auf Schnipseljagd, und nach dem aufregenden Lokführer-Streik der vergangenen Wochen sah die Stadt wieder aus wie Stuttgart. Während des Arbeitskampfs der Eisenbahner hatte sie ganz anders gewirkt: brechend volle Straßenbahnen, gut gefüllte U-Bahn-Stationen, Menschenmassen. Da kam ich mir vor wie in einer Großstadt.

Viele Medien und Leute machten die Streikenden nieder, als dürfe das in einer guten Demokratie heilige Streikrecht nur in Kraft treten, wenn es keinen stört. Unfassbar, wie heute mit Propaganda Stimmung gemacht wird. Die Ex-Frau des in der CDU beheimateten Gewerkschaftschefs ließ man vor laufenden Fernsehkameras schmutzige Wäsche waschen. Das erinnert an Amerika und die Methoden professioneller Gewerkschafts-Zerstörung, im Englischen als Union Busting bekannt.

Mehr als langweilig war es dann, als die Erhöhung der sogenannten Aufwandspauschale für unsere Stadträte vergleichsweise geräuschlos über die Bühne ging. Keine Frage, man gönnt den Herrschaften in diesen harten Zeiten die selbstbewilligten 300 ihrer 400 geforderten Euro von Herzen. Irgendwer muss ja noch in der Lage sein, täglich zentnerweise Kohle in die neuen, vom Gemeinderat genehmigten Einkaufszentren zu tragen. Auf Dauer wären unsere armen Schulkinder damit überfordert. 300 Euro mehr sind nicht mal Erdnüsse, bedenkt man, was die Mehrheit dieser Politiker fortwährend an Steuergeld versenkt, es den Armen nimmt und den Reichen gibt.

Dennoch hat mich diese Art Gotteslohnerhöhung enttäuscht. Ein langer, harter Stadträte-Streik hätte unserer kleinen Gemeinde mehr als gutgetan. Keine Anarchie könnte jemals so viel Schaden anrichten und Ungerechtigkeiten zementieren wie manche von der Macht berauschten Laiendarsteller und Lobbyisten im Parlament. Was für historische Partys der Befreiung hätten im besetzten Rathaus steigen, was für Mauern fallen können.

Allerdings: Selbst ohne Streik hätte unseren allseits global gesteuerten Lokführern der Kommunalpolitik eine Portion Fantasie zur Erhöhung ihres Sozialfall-Salärs gut zu Gesicht gestanden, zumal den meisten Stadträten im Arbeitsalltag gute Ideen fremd sind. Weite Kreise der Bevölkerung hätten angesichts des nahenden Glühweinmarkts vor dem Rathaus unseren verarmten und zerlumpten Politikern ein Herz gezeigt. Das Spendengeld braver Bürger und der Bakschisch mitfühlender Investoren wäre solidarisch in Strömen geflossen, hätten die Stadträte auf dem Marktplatz ihre Dosen für Alk und Hundefutter aufgestellt.

Damit ist das Kamel an der Tränke gelandet und wünscht allen Durstigen und Satten eine friedliche Vorweihnachtszeit.

>>> Joe Bauer liest am Dienstag, 25. November, im Besen, Weinsteige 66. Die Songs des Abends singt Dacia Bridges. 19 Uhr. Reservierungen: 0172 9676356.



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