Bauers Depeschen


Samstag, 10. Februar 2018, 1911. Depesche


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Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



GEGEN RECHTS.

Heute hat im Württembergischen Kunstverein am Stuttgarter Schlossplatz das offene Forum stattgefunden, organisiert vom Aktionsbündnis Stuttgart gegen Rechts und unsereins: Gut 80 Menschen diskutierten in drei Workshops, intelligent moderiert von jungen Frauen und Männern des breit aufgestellten Bündnisses, über Strategien und praktische Methoden im Kampf gegen den Rechtsruck. Fazit: Diese Aktion wird fortgesetzt. Hier auf Wunsch meine Begrüßungsrede:



SCHÖNEN GUTEN TAG, liebe Freundinnen und Freunde, hier im Württembergischen Kunstverein,

wir haben für dieses offene Forum im Kunstgebäude einen symbolischen Ort gewählt – und dürfen ihn auch nutzen. Die Direktion des Württembergischen Kunstvereins hat uns dieses Haus mit großer Selbstverständlichkeit geöffnet. Dafür aufrichtigen Dank an Iris Dressler und Hans D. Christ, die Direktion des Kunstvereins.

Dieser Ort hier ist schon lange ein wichtiger Platz für politische Diskussionen und außerparlamentarische Oppositionelle in der Stadt. Der Kunstverein ist ein Beispiel dafür, wie die Kunst, wie Kulturarbeiter Haltung zeigen - mit ihrer Unterstützung demokratischer Aktionen. Wir brauchen solche Plätze – und niemand, der sich hier umblickt, kann sagen, wir befänden uns im Elfenbeinturm. Ganz im Gegenteil: Dieser Laden ist schwer in Ordnung.

Das Engagement, der Kampf gegen den Rechtsruck mit all seinen kriminellen Auswüchsen erfordert natürlich den Blick auf die Geschichte. Das Kunstgebäude selbst hat eine durch und durch politische Vergangenheit. Ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg eröffnet, diente es 1920 der Regierung des zwielichtigen SPD-Politikers Friedrich Ebert als Zufluchtsort nach dem Kapp-Putsch der Rechtsextremisten. Im März 1920 tagte in diesen Räumen die Nationalversammlung. Knapp 100 Jahre später, von September 2013 bis Anfang Mai 2016, tagte hier das Landesparlament, weil sein etatmäßiges Gebäude renoviert wurde. Und seit 2016, das kann ich nicht oft genug sagen, ist im Stuttgarter Landtag die AfD drittstärkste Fraktion. Sehr oft, auch bei normalerweise gut informierten Menschen, ernte ich ungläubige Blicke für meinen Hinweis, dass hier im Landtag mehr AfDler als SPDler sitzen. Das ist die Realität vor unserer Haustür. Und speziell vor unserer Haustür müssen und können wir etwas tun. Ich kann Euch allen nur raten, immer wieder mal Landtagssitzungen aufzusuchen – um Euch dem Ton, der Sprache, den Propagandastrategien der Rechtsnationalen und Völkischen auszusetzen. Das wirkt anders als im Fernsehen.

Damit bin ich bei einem wichtigen Punkt, nämlich dem Umgang mit dem Sound der Rechten: Die Verbreitung ihrer oft widerlichen Sprache ist selbst zum Zweck der Kritik gefährlich, weil sich die Öffentlichkeit schnell an diese Sprache der Unmenschlichkeit gewöhnt und sie als normal empfindet. Das wissen wir spätestens seit Victor Klempereres Buch „LTI“, in dem er die Sprache des Dritten Reichs analysiert hat.

Den Landtag hier in unserer Nachbarschaft erwähne ich aus einem mir wichtigen Grund. Als Journalist und Stadtspaziergänger beschäftige ich mich auch mit der Stadtgeschichte. Erst neulich habe ich Orte aufgesucht, die mit der Vernichtung der Juden in Stuttgart zu tun haben: die nach dem Krieg wiederaufgebaute Synagoge im Hospitalviertel, die Gedenktafel für die im Gestapo-Kerker in der Büchsenstraße gefolterten, später deportierten und ermordeten Sinti, Roma und andere Opfer, dann den Gedenkort der von den Nazis mithilfe der Feuerwehr zerstörten Synagoge in Cannstatt. Beim Blick auf solche Orten faschistischer Verbrechen geht es mir nicht so sehr um die oft floskelhaft erwähnte Vergangenheitsbewältigung. Sondern um Spuren, die direkt in die Gegenwart unserer unmittelbaren Umgebung führen.

So sind für mich inhaltlich eher unkonkret gestaltete Gedenkorte wie für die Cannstatter Synagoge oder nur schwer lesbare Erinnerungstafeln wie in der Büchsensraße nicht die beeindruckendsten Mahnmale. Das verstörendste Mahnmal in dieser Stadt ist für mich der real existierende Landtag — wo der Arzt, Holocaust-Leugner und AfD-Politiker Dr. Wolfgang Gedeon heute Reden halten darf — ein Mann, dem Antisemitismus-Forscher nachsagen, seine Schriften seien vergleichbar mit denen Alfred Rosenbergs, einem Hauptverantwortlichen der Nazis für die Vernichtung der Juden. Der wurde in Nürnberg zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Es geht nicht allein um die Erinnerung an das Grauen, sondern um die Erkenntnis, dass die Faschisten auch nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur präsent waren und es bis heute sind. Der Schriftsteller Jörg Fauser hat einmal gesagt: „Als alles vorbei war, ging alles weiter.“ Vor diesem Hintergrund ist es ein Skandal, wenn etwa das Hotel Silber, die ehemalige Stuttgarter Gestapo-Zentrale, auch 73 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur nicht als Lernort eröffnet ist – und engagierte Bürger das Haus vor dem Abriss zugunsten des einst von einem Nazi-Funktionär geführten Unternehmens Breuninger retten mussten.

Die Idee zu unserem Treffen heute kam mir nach der Demo des Aktionsbündnisses Stuttgart gegen Rechts am Tag vor der Bundestagswahl 2017. Ich fand die Art dieser Veranstaltung des Protests und der Aufklärung sehr überzeugend und aufbauend – in den Wortbeiträgen herrschte ein guter analytischer Ton, der die AfD nicht auf ihre Flüchtlingshetze reduzierte, sondern ihre durch und durch menschenverachtende Politik mit ihren völkischen und neoliberalen Inhalten analysierte. Und da dachte ich mir: Verdammt, ich kenne ja nicht mal die Frauen und Männer, die diese Demo organisiert haben.

Wo also hingehen, wenn ich etwas tun will? Gut, ich komme aus einer anderen Generation als die meisten Bündnismitglieder. Aber so etwas darf keine Rolle spielen. Solidarität ist keine Floskel. Die Voraussetzung für Solidarität sind Kontakte, Dialoge, Vernetzung. Sohabe ich über die Homepage des Aktionsbündnisses eine Mail ins Unbekannte geschrieben. Wenig später haben wir uns in kleinem Kreis getroffen. Heraus kam dieses Treffen heute.

Schon lange und immer wieder geht mir durch den Kopf, was Erich Kästner nach dem Krieg gesagt hat. Diese Sätze sind bekannt, ich zitiere sie, weil auch dieser großartige Schriftsteller, der 1933 bei der Verbrennung seiner eigenen Bücher zuschaute, die Nazis vor und auch noch nach ihrem Machtantritt unterschätzt hat. Kästner sagte später: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat."

Wir müssen hier keine Diskussion führen, ob sich Geschichte wiederholt. Wir sind keine Propheten. Ich denke nur, wir haben die verdammte Pflicht – und da trete ich mich in den eigenen Hintern – gegen den Rechtsruck etwas zu unternehmen – und uns mit den richtigen Methoden dafür auseinanderzusetzen. Eines Tages könnte uns die Frage gestellt werden: Was hast du damals getan? Diese Frage klingt für mich nicht pathetisch, und ich möchte nicht darauf antworten: Na ja, ich hab mal was auf Facebook gepostet. Deshalb wünsche ich mir, dass heute hier im Kunstverein etwas beginnt, das weitergeht, Und trotz des Ernstes der Lage wünsche ich jetzt allen viel Spaß bei der Arbeit. Denn eine gewisse Freude an der Sache ist wichtig, um heute etwas zu tun – und morgen weiterzumachen. - Vielen Dank



Wer sich mit uns engagieren und mit dem Bündnis Kontakt aufnehmen möchte:

STUTTGART GEGEN RECHTS

E-MAIL: stuttgart-gegen-rechts@freenet.de

















 

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