Bauers Depeschen


Freitag, 30. Januar 2015, 1412. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

gebe zu: Es war zuletzt nicht viel los auf dieser Seite. Habe aber eine gute Ausrede: Hatte eine heftige, fiebrige Bronchitis. Heute steht unten eine neue Kolumne. Was soll man machen: An diesem Freitag und am Samstag findet im Rathaus das Städtebau-Symposium „Stuttgart für alle – wohin entwickelt sich unsere Stadt?“ statt. Veranstalter sind die ArichtektInnen für K21, das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 und die Gemeinderatsfraktion SÖS/Linke/Plus. Bei der Abschlusskundgebung am Samstag, 31. Januar, auf dem Schillerplatz halte ich die Rede, es gibt bei diesem Finale Musik, Tanz & Aktionen; es spielt die Akademische Betriebskapelle, Hannes Rockenbauch moderiert. Beginn: 16.30 Uhr. Alles über das Symposium: STUTTGART FÜR ALLE

Am Samstag, 7. Februar, geht der erste FLANEURSALON des Jahres über die Bühne, mit Eric Gauthier & Jens-Peter Abele, Dacia Bridges, Michael Gaedt & Anja Binder in der UHLBACHER KELTER. Der Abend ist so gut wie ausverkauft, deshalb der Hinweis auf unsere nächste Lieder- und Geschichtenshow: Am Mittwoch, 11. März, sind wir in der Ostheimer FRIEDENAU, in der klassischen Besetzung mit Stefan Hiss, Dacia Bridges, Roland Baisch. Den Besuch dieses Flaneursalons empfehle ich schon aufgrund des Bühnenorts: Die Friedenau im als Arbeiterkolonie erbauten Ostheim hat einen historischen, einen gut erhaltenen Wirtshaussaal, wie man ihn heute kaum noch findet in der Stadt. Reservierungen für den Flaneursalon in der Friedenau: 07 11 / 2 62 69 24.



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LIED DES TAGES



Und hier die aktuelle StN-Kolumne:



DER EISPICKEL

Richtiges Reisen mit Kofferpacken, hin und wieder habe ich es erwähnt, ist nicht meine Sache. Habe mich auf die Kurzstrecken des Spaziergängers und Straßenbahnpassagiers spezialisiert. Nur hin und wieder, damit ich die wahre Größe des Stuttgarter Kessels besser begreife, wechsele ich die Stadt, hüpfe von hier nach dort. Mit Reisen hat das nichts zu tun. Und da nach den vielen Jahren der Stuttgart-Erkundung mit einer Macke bestraft, stoße ich fast überall auf heimische Spuren. Das geht mir in Cannstatt nicht anders als in Mexiko-Stadt.

Im Viertel Coyoacán von Mexiko-Stadt hat sich 1904 ein gewisser Herr Kahlo aus Pforzheim niedergelassen. Seine badische Gemeinde zähle ich zum inneren Kreis des Kessel-Milieus, seit sich der Pforzheimer Schwergewichtler Stefan Mappus bei uns als Ministerpräsident versucht hat. Der ehemalige CDU-Rambo gilt als größter Sohn seiner Heimatstadt nach dem ­Leichtgewichtsboxer René Weller.

Wilhelm Kahlo, 1871 in Pforzheim als Sohn eines Schmuckfabrikanten geboren, wanderte 1890 nach Mexiko aus, nannte sich fortan Guillermo und wurde ein ­anerkannter Fotograf, auch in Diensten des Regierungschefs Porfirio Diaz; der Diktator hatte seinen Einbürgerungsantrag unterschrieben. Aus Herrn Kahlos zweiter Ehe ging 1907 Frida Kahlo hervor. Die legendäre Malerin. Ihr tragisches, revolutionäres Leben, gezeichnet von einer Kinderlähmung und den Verletzungen bei einem Busunfall, als sich eine Stahlspange durch ihr Becken bohrte, hat sie zu einer Ikone gemacht. 1954 starb sie mit 47 Jahren.

In Coyoacán steht heute das nach Fridas Vorstellungen gestaltete „Blaue Haus“, in dem sie aufwuchs. Als ich kurz nach meinem Eintreffen in Mexiko vor dem Museum ankam, war die Menschenschlange so lang, dass mir mein Begleiter riet, besser erst das nicht weit entfernte Heim Leo Trotzkis aufzusuchen. Der russische Revolutionär hatte zeit seines Lebens keine Beziehung zu Pforzheim, dafür, zum Leidwesen von Frau Trotzki, eine recht intime zu Frida Kahlo. Unsereins ist Herr Trotzki nicht ganz unbekannt, seit er 1907 den Internationalen Sozialistenkongress im Schützenhaus von Heslach besucht hat. Heslach gilt heute als das Coyoacán, das Kojotenquartier des Kessels, es ist nur nicht ganz so berühmt, weil in Stuttgart immer noch nicht fünfundzwanzig Millionen Menschen hausen wie in Mexiko-Stadt, auch wenn sich die Kessel-Politiker pausenlos so aufführen.

Mir meines Provinzlerlebens bewusst, schlich ich still und andächtig durch Trotzkis Exil, ehe ich in seinem Schlafzimmer vor der Wand mit den Einschusslöchern eines Mordanschlags verweilte. In diesem Augenblick kam eine Touristengruppe mit einem Englisch sprechenden Führer in Trotzkis Kammer. Eine Frau fragte, ob die Attentäter, eine Bande unter Führung des stalinistischen Malers David Siqueiros, mit Kalaschnikow-Kanonen geschossen habe. Nein, sagte der Führer, bei dem Überfall 1940 habe es noch keine Kalaschnikow gegeben, die Kerle hätten ihre Salven mit der Thompson abgefeuert. Kaum hatte ich die ratlosen Blicke der Touristen bemerkt, sah ich meine Stunde gekommen. In meinem besten Heslach-Englisch klärte ich die Leute auf: Ja, sagte ich, das war das amerikanische Thompson-Maschinengewehr. Wir kennen es aus vielen Mafia-Filmen, es ist die oft besungene Thommy-Gun. Dieses Gewehr haben die Amis schon damals auch den Sowjets verscherbelt.

Obschon mir der mexikanische Führer dankbar schien für meinen Beistand in der Thompson-Frage, begriff ich schnell, warum es besser für mich ist, wenigstens außerhalb des Kessels die Klappe zu halten. Kaum hatte ich ausgeredet, rammte ich in meiner Euphorie die Oberkante eines sehr niedrigen Türsturzes neben den Einschusslöchern dermaßen konsequent mit meiner Rübe, dass ich glaubte, es habe mich wie Trotzki drei Monate nach dem erfolglosen Maschinengewehr-Feuer erwischt. Bei einem weiteren Überfall nämlich schlug ihm der stalinistische Agent Ramón Mercader einen Eispickel in den Schädel, und diese Verletzung war tödlich (bei der Thompson-Attacke hatte sich Trotzki unters Bett flüchten können.

Dank eines uralten französischen Fischerhuts von Hut-Hanne aus der Königstraße, den ich an diesem sonnigen Tag in Mexiko aus unerfindlichen Gründen auch im Museum trug, schien mein Schädel relativ heil geblieben zu sein, der Dachschaden überschaubar. Die volle Wirkung meiner Begegnung mit Trotzkis Türsturz merkte ich erst Stunden später bei meiner ersten Burrito-Mahlzeit auf mexikanischem Boden. Beim Grübeln über die Zusammenhänge dieser verdammten Welt fiel mir der Name des Sängers der Flying Burrito Brothers nicht mehr ein. Bis heute zählt er zu meinen Lieblingsmusikern. Er gilt als Wegbereiter des Countryrock, spielte auch bei den großartigen Byrds und war mir lange über seinen Tod hinaus ein Trost in vielen Nächten. 1973 starb er mit 27 Jahren. Erst mit Hilfe meines Taschentelefons gelang es mir, seinen Namen zu ermitteln: Gram Parsons. Wenn ich ihn heute höre, spüre ich Trotzkis Eispickel im lichten Haar.

Welche Rolle die Thompson-Gewehre heute im Drogenkrieg von Mexiko spielen, weiß ich nicht. Habe gehört, dass exportierte Waffen von Heckler & Koch im Spiel waren, als neulich die 43 Studenten im mexikanischen Bundesstaat Guerrero von der Polizei verschleppt wurden. Die Firma Heckler & Koch residiert bekanntlich im uns vertrauten Oberndorf am Neckar, am Rand des Schwarzwalds.

Der Schwarzwald gilt ja weltweit als Stuttgarter Vergnügungspark und Stuttgart als Kapitale des Schwarzwalds. Dafür haben die hiesigen Marketing-Leuchten im Dienste ihres Hinterwäldertums alles getan. Irgendwie war es nur logisch, dass ich in Mexiko schon bald vor einer Metzgerei namens Selva Negra stand. Der Laden hat extrem exotische Wurscht- und Fleischprodukte im Angebot. Selva Negra bedeutet auf Deutsch Schwarzwald, und einen so guten Leberkäs wie beim Mexikaner von Coyoacán bekommst du in ganz Pforzheim nicht.



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