Bauers Depeschen


Montag, 26. November 2012, 1015. Depesche


Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20121126

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------



AUFRUF

Wichtig, bitte unterzeichnen: Es geht um den Umgang der Stuttgarter Justiz mit den deutschen Kriegsverbrechen in Sant’Anna di Stazzema.



FLANEURSALON LIVE

Unsere kleine Show an diesem Sonntag mit Eric Gauthier, Dacia Bridges und Roland Baisch im Weilimdorfer WEIHNACHTSTIPI auf dem Löwen-Markt ist ausverkauft. - Der erste Flaneursalon 2013 geht am Dienstag, 19. Februar, im Schlesinger über die Bühne, u. a. mit Uta Köbernick & Band.

NACHTRAG: ... da war am Montagabend, nach der Jubiläumsdemo, noch ein stimmungsvoller Intim-Flaneursalon in der Uhu-Bar im Leonhardsviertel - mit dem Berliner Autor Klaus Bittermann und den Musikern Zam Helga (Vater) und Ella Estrella Tischa (Tochter) ... famos!



GESCHENKPAPIER

Weil ich immer wieder gefragt werde: Mein Buch "Im Kessel brummt der Bürger King" (siehe Cover rechts) ist regulär im Handel erhältlich. Und der brave Kreuzberger Verleger mahnt an, vor dem Weihnachtsgeschenkfest sei da noch was zu tun ... die Zeiten sind hart (ich verdiene an dem Buch übrigens nichts, also keine Hemmungen). Das Cover-Foto ist von Lutz Schelhorn.



SOUNDTRACK DES TAGES



HUNDERTFÜNFZIG

Manche Dinge kommen mit dem Novemberwind. Es war am 21. November 2011, als die Stuttgarter Bürgerbewegung ihre 100. Montagsdemo feierte, auch wenn es nicht viel zu feiern gab. Heute, am 26. November 2012, geht vor dem zerstörten Hauptbahnhof die 150. Montagsdemo über die Bühne, einen Tag bevor sich erstmals die Volksabstimmung über Stuttgart 21 jährt.

Als sich im Herbst 2011 eine Wählermehrheit dafür aussprach, das Milliardenmonster S 21 mit Steuern zu finanzieren, dachten viele (Befürworter wie Gegner), der große Stuttgarter Bürgerprotest habe sich erledigt. Teile der Bevölkerung, womöglich schlecht informiert oder auf die Propaganda von Wirtschaft und Bahn hereingefallen, waren überzeugt, nach der Abstimmung kehre die Stadt zur Tagesordnung zurück. Zur altbewährten Ordnung des Schweigens, Kuschens, Wegschauens. Es schien sogar die Meinung zu kursieren, nach der Volksabstimmung sei S 21 so gut wie fertig gebaut, den Rest erledigten geräuschlos Heinzelmännchen mit Bio-Buttons auf der Brust.

Bereits vor der Volksabstimmung hatte ja das Volk sensationell die mehr als ein halbes Jahrhundert alte CDU-Seilschaft abgestraft, im guten Glauben, die neue Macht aus neu erstarkten Grünen und historisch gefledderten Roten würde die Sache im Sinne der Demokraten richten. Wozu noch eine Montagsdemo, wo doch Demonstranten in der Regierung saßen und den Leuten „Bürgerbeteiligung“ und „Nachhaltigkeit“ predigten (ohne zu merken, wie ihre läppischen Zeitgeist-Vokabeln längst auch von den übelsten Energiekonzernen ad absurdum geführt wurden).

Der Stuttgarter Protest, die Antwort zigtausend selbstbewusster Bürger auf die Respektlosigkeit, auf die Würdelosigkeit realitätsfremder Machtpolitiker, blieb den Medien ein Rätsel. Journalisten in Berlin und Hamburg, mit den Politfloskeln aus ihren „Lösungspaketen“ überfordert, verspotteten die Widerständler als „Methusalem-Rentner“ („Stern“) und „Wutbürger“ („Spiegel“). Dahinter steckte die Arroganz geschäftstüchtiger Populisten, die unterschiedlichen Akteure eines Aktionsensembles in eine Schublade zu stecken, sie zu vermarkten. Unsereins ist nicht an allen 150 Montagen gegen den Wind marschiert, die Zahl meiner Schuhmacher-Besuche lässt jedoch einige Protestkilometer vermuten. Ich habe gelernt, dass sich bei Demos von intellektuellen Gesellschaftsanalytikern über coole Kapuzentypen bis zu den Beschwörern von Park-Erdmännchen alles Denkbare findet. Und als ich einmal als Tourist in die New Yorker Occupy-Menge geriet, schaute ich mich suchend um, wo wohl der Stuttgarter Rebell Peter Grohmann mit seinem „Bürgerbrief“ und seiner Spendenbüchse bliebe. War er im Knast?

Man gewöhnt sich an seine Pappenheimer. Die Menschenmischung bei Demos ist vielfältiger als in einem Fanblock beim Fußball. Das will was heißen. Ich habe auf der Straße Leute kennengelernt, die ich nie im Leben getroffen hätte. Bei einigen wäre es schade gewesen, bei anderen besser. Neulich schrieb mir ein S-21-Befürworter und Merkel-Verehrer, am Protest gegen Stuttgart 21 beteilige sich doch nur ein halbes Prozent der Bevölkerung. Er meinte die Zahl der Demonstranten, im Irrglauben, es seien immer dieselben.

Zahlenspiele interessieren mich schon lange nicht mehr, es ist mir wurscht, mit wessen Zockerwürfeln die Polizei Größenordnungen errechnet. Zornig macht die Ignoranz gegenüber der fantasievollen, erstaunlich kompetenten und informativen Arbeit des Protests. Zum deutschen Alltag gehört die Herrenmenschensprache einer FDP-Charge, die Demonstranten im Regen als "alte gefrustete Weiber mit ungepflegten Haaren“ und „nach altem Schweiß stinkende Männer“ diffamiert.

Nach der zu erwartenden Anpassung der neuen Landesregierung an die herrschende Profitmaximierungspolitik ist die Straße heute ein wichtiges demokratisches Forum der Opposition. Auf der Protestbühne wird verständlich gesprochen, in einer Sprache, die einem Politik nahebringt, wenn man das Parlamentarier-Geschwätz von „Glaubwürdigkeitsdefiziten“, „Wachstumsbeschleunigung“ und „Politikverdrossenheit“ nicht mehr hören kann. Die Montagsdemo ist ein Marktplatz für schwer erhältliche Informationen. Wer neulich das Bahn-Gutachten über die ska­dalösen Brandschutz-Versäumnisse für neu hielt, hatte nie eine Montagsdemo besucht. Ingenieure und Feuerwehrleute weisen dort seit Jahr und Tag auf den lebensgefährlichen Planungsmurks hin.

Die Straße als politische S-21-Bühne öffnet die Augen für Zusammenhänge. Inzwischen spielen Themen wie die Banken-Machenschaften, die kriminellen Auswüchse auf dem Immobilienmarkt, die Finanzdesaster in Europa eine Rolle. Der Protest hat viele Leute politisiert und sensibilisiert. Man wird wachsam, beschäftigt sich automatisch mit anderen Themen, demonstriert gegen die sich ausbreitende Brut der Neonazis. Wer am Bürgerprotest teilnimmt, ist gut vernetzt, und das gilt nicht nur für Leute, die das Demonstrantenvolk zu ihrer Ersatzfamilie erkoren haben.

Die Straße ist kein Event-Spielplatz, wie mancher anfangs dachte. Die Straße ist nicht nur für die Protest-Organisatoren steinig. Wer Montagsdemos mit ähnlichem Pflichtgefühl, mit ähnlicher Leidenschaft besucht wie ein Fußballfan die Spiele seines Teams, muss mit Enttäuschungen und Niederlagen leben. Es gab Tage, da habe ich schlechte und selbstverliebte Redner mehr verflucht als den Novemberregen. Noch öfter habe ich Musikanten gehasst, die einen mit ihrem Mundart-Geplärr beinahe in den bewaffneten Widerstand gegen den schlechten Geschmack getrieben hätten.

Diese Dinge gehören zum Spiel wie Justiz und Polizei, und man lernt: Protest ohne Humor ist auf Dauer so wenig erfolgreich wie die Absicht, allein mit Wahlen Verhältnisse zu ändern. Humor hat viele Gesichter, dazu gehören auf Demos die verbalen Feinheiten der TV-Kabarettistin Christine Prayon ebenso wie die demagogischen Salven des Theaterregisseurs Volker Lösch. „Ergebnisorientiert“ und „zielführend“ labern Marketing-Blender daher. Der Aufbegehrende braucht Sisyphus-Ausdauer.

Er hat sie. Dem Protestler, von den Zukunftsspekulanten als „Ewiggestriger“ verhöhnt, flüstert der Novemberwind auch auf der Hundertfünfzigsten die Botschaft von Jack Kerouac ins Ohr: „Nichts hinter mir, alles vor mir, wie es auf der Straße immer ist.“

KOMMENTARE SCHREIBEN IM LESERSALON



FRIENDLY FIRE:

NACHDENKSEITEN

BLICK NACH RECHTS

FlUEGEL TV

RAILOMOTIVE

EDITION TIAMAT BERLIN

Bittermanns Fußball-Kolumne Blutgrätsche

VINCENT KLINK

KESSEL.TV

GLANZ & ELEND




Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20121119



 

im Nordbahnhof-Areal
 

Archiv 

20.10.2017


Depeschen 1831 - 1860

Depeschen 1801 - 1830

Depeschen 1771 - 1800

Depeschen 1741 - 1770

Depeschen 1711 - 1740

Depeschen 1681 - 1710

Depeschen 1651 - 1680

Depeschen 1621 - 1650

Depeschen 1591 - 1620

Depeschen 1561 - 1590

Depeschen 1531 - 1560

Depeschen 1501 - 1530

Depeschen 1471 - 1500

Depeschen 1441 - 1470

Depeschen 1411 - 1440

Depeschen 1381 - 1410

Depeschen 1351 - 1380

Depeschen 1321 - 1350

Depeschen 1291 - 1320

Depeschen 1261 - 1290

Depeschen 1231 - 1260

Depeschen 1201 - 1230

Depeschen 1171 - 1200

Depeschen 1141 - 1170

Depeschen 1111 - 1140

Depeschen 1081 - 1110

Depeschen 1051 - 1080

Depeschen 1021 - 1050

Depeschen 991 - 1020

Depeschen 961 - 990

Depeschen 931 - 960

Depeschen 901 - 930

Depeschen 871 - 900

Depeschen 841 - 870

Depeschen 811 - 840

Depeschen 781 - 810

Depeschen 751 - 780

Depeschen 721 - 750

Depeschen 691 - 720

Depeschen 661 - 690

Depeschen 631 - 660

Depeschen 601 - 630

Depeschen 571 - 600

Depeschen 541 - 570

Depeschen 511 - 540

Depeschen 481 - 510

Depeschen 451 - 480

Depeschen 421 - 450

Depeschen 391 - 420

Depeschen 361 - 390

Depeschen 331 - 360

Depeschen 301 - 330

Depeschen 271 - 300

Depeschen 241 - 270

Depeschen 211 - 240

Depeschen 181 - 210

Depeschen 151 - 180

Depeschen 121 - 150

Depeschen 91 - 120

Depeschen 61 - 90

Depeschen 31 - 60

Depeschen 1 - 30




© 2007-2017 AD1 media ·