Bauers Depeschen


Freitag, 20. Oktober 2017, 1861. Depesche


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MUSIK ZUM TAG



Aktuelle StN-Kolumne:

DIE INSEL

An der Zufahrt zur Schottstraße schlängelt sich die Lenzhalde um die Hugo-Borst­Anlage, eine grüne Insel mit Ausblick im Norden der Stadt. Mittendrin eine etwas wacklige Holzbank, gestiftet von einer Enkelin des großen Stuttgarter Kunstsammlers Hugo Borst. Die Lehne ist mit „Arosa“ beschriftet. Graubünden, erfährt man auf einer Tafel, „war die große Muse von Hugo Borst“. Daneben steht die steinerne Figur der „Winzerliesel“, ein Geschenk des Grundbesitzervereins Azenberg/Feuerbach zu Stuttgarts 1700-Jahr-Feier anno 1920. Eine Borst-Büste vervollständigt das Arrangement zur Erinnerung an den Mann, der exakt heute vor 50 Jahren mit 88 Jahren gestorben ist.

Auf diesen eher unbekannten Ort in der Halbhöhe weise ich hin, damit seine Sitzbank angemessen gewürdigt wird. Hugo Borst, ein Neffe Robert Boschs und viele Jahre kaufmännischer Chef in der Firma des legendären Unternehmens, genoss in Graubünden „die Schönheit des Panoramas. Der Besucher dieser Bank möge das Gleiche tun“, heißt es auf der Tafel. Diesem Wunsch bin ich nachgekommen: Es ist ein herrlicher Herbsttag, als mir eine Menge Stuttgarter Geschichte und Gegenwart durch den Kopf geht. Denn kurz zuvor habe ich Roland Ostertag besucht. Der Architekt, Stadtplaner und ruhelose Kämpfer für eine bessere Stadt hat vor zehn Jahren in der Galerie neben Borsts Haus Sonnenhalde auf dem Gähkopf 3 sein Atelier und seine Aus­stellungsräume eingerichtet. Borst ließ sein Haus 1922 bauen und 1930 durch eine Galerie erweitern. Nach der Zerstörung im Krieg wurde es mit Unterstützung von Theodor Heuss wiederhergestellt.

Ostertag erinnert sich noch gut, wie er den Sammler Borst am Eingang seiner Galerie sitzen sah, eingehüllt in die Rauchwolke seiner Zigarre. Damals, in den sechziger Jahren, als die Sonnenhalde zu den wichtigsten Kunstzentren der Stadt gehörte. Das Haus war eine Bühne der Begegnung und des Austauschs, betreut von einem Mann, der den Stuttgarter Galerieverein von 1927 an geleitet und mit großem Mut durch die Nazidiktatur geführt hatte, ohne auf die als „entartet“ diffamierten Werke verfemter Künstler zu verzichten.

Nach dem Ende des Naziterrors stellte er seine Galerie bis 1961 dem Württembergischen Kunstverein als Übergangsquartier zur Verfügung. In diesem Gebäude finden die ersten Ausstellungen nach dem Krieg statt. Die Bedeutung eines solchen Orts zwischen den Ruinen und den geistigen und moralischen Trümmern der Stadt kann unsereins heute nicht mal erahnen.

In Ostertags Atelier hängt ein hochpolitisches Motto: „Der Stadtboden gehört allen.“ Seit jeher kämpft er dafür, mit dem Kessel so umzugehen, wie es die Topografie und Historie dieser Stadt verdient haben – ein aufreibendes Engagement gegen den Abrisswahn und die Ignoranz der Stadt gegenüber ihrer Geschichte. Ostertag hat unter anderem das Alte Schauspielhaus und das Bosch-Areal bei der Liederhalle vor dem Abriss gerettet. In seinem Atelier ist ein 25 Quadratmeter großes Stuttgart-Relief mit städtebaulichen Ideen aufgestellt. Mehr als hundert Tafeln mit zukunftsweisenden Vorschlägen und historischen, teils bitteren Dokumenten sind in der immer samstags geöffneten Ausstellung zu besichtigen. Eine Fundgrube für Leute, die sich mit der Verschandelung der Stadt auseinandersetzen.

In der Abgelegenheit auf dem Gähkopf in der Halbhöhe des Wohlstands geht es naturgemäß ruhig und beschaulich zu. Beim ­Spazierengehen aber findet man sich auch rasch im Tal der Bodenständigkeit wieder – und kann aus nächster Nähe die vorbeidonnernden Züge der Gäubahn beobachten. Jedenfalls empfehle ich den Besuch von Ostertags Atelier im Haus Sonnenhalde mit dem anschließenden Blick von der Arosa-Bank ins Tal, weil es dort möglich ist, etwas vom Geist einer Stadtkultur zu atmen.

Hugo Borst ist bereits eine Unternehmerpersönlichkeit, als die Nazis an die Macht kommen. Am 13. Januar 1881 in Göppingen geboren, hat er seine Laufbahn als Neunzehnjähriger in der Firma seines Onkels Robert Bosch begonnen. Nach vielen Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit beobachtet Bosch die Sammlerleidenschaft Hugos allerdings mit zunehmendem Argwohn. Die leidenschaftliche Hinwendung des Neffen zur zeitgenössischen Kunst und zu wertvollen Büchern erscheint ihm als unvereinbar mit dem Job eines Topmanagers.

Lange allerdings hat Borsts Weltläufigkeit dem intellektuell versierten Onkel viele Vorteile gebracht. Nach kaufmännischer Lehre und Militärzeit hat Hugo bei großen Handelshäusern in London und New York internationales Wissen gesammelt. Er rüstet die noch kleine Firma Bosch für die Zukunft, als er nicht nur neue Betriebsstrukturen einführt, sondern dem Onkel trotz reichlich Skepsis die Notwendigkeit des Produkt-Marketings beibringt. So entsteht das Firmenlogo mit dem Anker im Kreis und dem Spruch: „Mit Bosch gerüstet, gut in Fahrt!“

1926 trennt sich der Spitzenverdiener Hugo Borst von der Firma, die ihm durch seine Anteile aber weiterhin viel Geld bringt. Vier Jahre nach dem Abschied präsentiert der Sammler in seiner neuen Galerie auf dem Gähkopf erstmals große Namen wie Kirchner, Klee, Nolde, Schlemmer, Baumeister, Munch, Picasso, Braque, Chagall. Zu sehen sind sage und schreibe 500 Bilder und Plastiken. Die Einladungskarte für die sensationelle Avantgardisten-Schau mit dem Titel „Extreme Kunst“ hat der Stuttgarter Maler Reinhold Nägele gestaltet.

Nach Hugo Borsts Tod und seiner Beerdigung auf dem Pragfriedhof geht der wesentliche Teil der Sammlung an die Stuttgarter Staatsgalerie, viele seiner Bücher an die Landesbibliothek. Das Haus Sonnenhalde ist noch immer im Besitz der Familie. Im ehemaligen Gärtnerhaus des Anwesens in der Ehrenhalde wohnt heute Hugos Sohn Peter Borst (93).

Dank Roland Ostertag, dem hartnäckigen Mahner, gibt es im Haus Sonnenhalde bis heute die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft der Stadt. ­Diese Welt starker Visionen aber muss neu entdeckt und erweckt werden: etwa Ostertags Konzept für die Wiederbelebung des Nesenbachs in der Stadt. Oder seine Ideen für Zugänge zum Neckar: „Betreten strompolizeilich verboten“, heißt es bis heute an den Ufern. Oder der Wasen: Warum, fragt der Architekt, lässt man diese Brache zwischen Rummel und Zirkusgastspielen nicht vom Neckar fluten? Konkrete Pläne zur bezahlbaren Realisierung liegen auf dem Tisch. Politik und Bürokratie aber schwimmen lieber mit dem Strom – in den langweiligen Bahnen ihrer üblichen, profitorientierten Immobiliengeschäfte.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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