Bauers Depeschen


Dienstag, 23. Mai 2017, 1795. Depesche


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DATENVERBRÄUCHLE

Alles hat wieder seine Ordnung. Amtliches Protokoll: der VfB nach oben gestolpert, die Kickers nicht abgestürzt. Entgegen ihrer tiefschwarzen, gelegentlich grün übertünchten Überzeugung ließen die Politiker großzügig das Rathaus rot ausleuchten, aber nicht mal eine öffentliche Toilette blau anmalen. Diese Stadt hat kein Herz für ihre Nischen.

Zum Saisonende habe ich eher zufällig noch mal reichlich Fußball erlebt. Auf der Fahrt zum Spiel der Stuttgarter Kickers bei der zweiten Mannschaft der TSG Hoffenheim saß ich im Zugabteil unter Fans des FC Augsburg, der bei Hoffenheims Erstligateam um den Klassenerhalt kämpfte. Anderntags geriet ich als Tourist im benachbarten Heidelberg mehrfach in die Rudel Hannoveraner Fans, deren Club im nahen Sandhausen um den Aufstieg in die erste Liga spielte. Und noch nicht richtig wieder zu Hause, plauderte ich mit erschöpften VfB-Fans in der Straßenbahn.

Irgendwie war überall Fußball an diesem schönen Maiwochenende. An jeder Ecke gab es eine Menge zu besprechen. Und nirgendwo Ärger. Manchmal ist der Fußball die letzte Direktverbindung zu wildfremden Menschen und das Leben gar nicht so schlecht.

Als ich nach meinem Heidelberg-Ausflug in Stuttgart aus dem Zug steige, muss ich ungefähr dieselbe Strecke noch einmal zu Fuß bewältigen, um die Bahnhofshalle zu erreichen. Der Weg durch die provisorisch angelegten Tunnel ist wie immer von Propaganda- und Werbeflächen gesäumt. Mal werden die Fahrgäste mit futuristischen Bildern selbstfahrender Verkehrsvehikel, mal mit geschönten Baustellenfotos belästigt: Irgendwie muss man sie ja vom Restbahnhof ablenken.

Auf dem Weg zur Bahnhofshalle verstören mich rote Flächen mit weißen Buchstaben. Unsere glorreiche Erstligastadt, denke ich zunächst, feiert den Aufstieg des VfB sogar noch im Baustellenschacht. Erst bei näherem Hinsehen erkenne ich die großflächige Werbung von Telekom.

Nach einer ersten Diagnose müssen die Marketingfuzzis am Dialektwahnsinn erkrankt sein. Im Internetfieber haben sie Zeilen wie „Net lang schwätza, lang gugga“, „Stuttgart streamt jetzt älleweil“ und – ohne Komma – „Adele Datenverbrauch“ herausgeschwitzt. Mit „Adele“ ist übrigens nicht die britische Popsängerin gemeint: Diese peinliche Verhunzung muss als schwäbische Version von „Ade“ herhalten. Der weit bekanntere, immerhin original-schwäbische Gruß liegt mir auf der Zunge.

Absoluter Höhepunkt der Verkleinerungssucht, auch schwäbischer Diminutiv genannt, ist eine Telekom-Wortschöpfung, die ich mich kaum hinzutippen traue: „Neu im Ländle: Das Datenverbräuchle“. Diese grauslig-alberne Zeile weist uns auf das Energiesparen und damit auf eine Tugend hin, die uns die Dichter in den Werbeagenturen radikal im Hirnbereich vorleben. Wozu noch die deutsche Sprache bemühen, wo‘s doch auch ein Dünnschissle tut.

Selbstverständlich habe ich keine Zweifel, dass die folkloristische Anbiederung an den Kleingeist der Mundartfraktion auf fruchtbaren Boden fällt. Die Pervertierung des Schwäbischen ist ja nicht neu, das Einkaufszentrum Müllaneo hat es schon vor einiger Zeit mit einem anderen strunzdummen Spruch vorgemacht: „Das Ländle sucht Schnäpple jetzt am Mailändle“. Mei Ländle, wie die Zwergenstaatsanbeter sagen, würde ich am liebsten für immer verlassen, wenn ich am Bahnhof mit „Adele“ begrüßt werde.

Ich kam gerade aus Heidelberg, wo mir sogar die Pfeifen der Junggesellenabschiede weniger peinlich erschienen als das „Datenverbräuchle“ in Großbuchstaben an der Stuttgarter Bahnhofswand.

Hochzeiten haben bekanntlich wieder Hochkonjunktur. Das war nicht immer so. John Lennon sagte einmal über seine erste Ehe, 1962 mit Cynthia Powell: „Es war mir schon peinlich, verheiratet in der Gegend herumzulaufen, das war, wie wenn man mit zwei verschiedenen Socken an den Füßen rumläuft oder mit offenem Hosenstall.“

Damit empfehle ich eine kleine Sonderausstellung im Kurpfälzischen Museum Heidelberg: „Imagine John Lennon – Musiker, Poet, Zeichner, Aktivist“ (bis zum 24. Juni). Die Schau mit vielen beeindruckenden Fotos und lesbaren Texttafeln erinnert an einen Popstar und Künstler, der auch fast 37 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod in New York eine Auseinandersetzung wert ist. Die Dokumente dieser Ausstellung öffnen zwar nicht unbedingt einen neuen Blick auf diesen komplexen, widersprüchlichen, auf­sässigen und durchaus revolutionären Geist. Sie taugen aber als Anregung, sich mal wieder mit dem politischen und kulturellen Klima der Siebziger und Lennons Rolle im Zusammenspiel mit seiner Frau Yoko Ono als intellektueller Vordenker zu befassen. Aufschlussreich etwa seine Sätze, wie er seinen Welthit „Imagine“ bewusst aus einer kindlichen Perspektive geschrieben und seine – oft als naiv verspotteten – antikapitalistischen, antinationalistischen Botschaften mit „Zuckerguss“ massentauglich gemacht hat. Erhellend für die Haltung des ehemaligen Beatles-Mitglieds ist im Angebot der Schau auch ein Buch über seine New Yorker Zeit: „Das Walross und die Elefanten – John Lennons revolutionäre Jahre“ von James A. Mitchell (Nautilus-Verlag). Heidelberg, keine 50 Zugminuten von Stuttgart entfernt, ist auch ein guter Anlass, sich mit dem Schaffen der heute 83-jährigen Fluxus-Künstlerin und Musikerin Yoko Ono zu beschäftigen – und zu begreifen, warum es in der Erstligastadt ziemlich peinlich ist, eine Einkaufsecke wie die Calwer Passage ausgerechnet „Fluxus“ zu nennen.

Wenn ich heute mit Fußball begonnen und bei der Popmusik gelandet bin, hat das einen Grund: So wie früher mal Popsongs den Menschen als Netzwerk dienten, ist heute der Fußball ein Vehikel grenzüberschreitender Verständigung. Mit dem Thema Fußball findest du überall irgendwie Anschluss, unabhängig von Generationen und Nationen. Auch die gewaltige Geld- und Eventmaschine im Fußballgeschäft hat daran viel geändert. Ein ­Gespräch von Angesicht zu Angesicht mithilfe der Dialogbrücke Fußball kann nicht mal Telekom mit seinem Deppendeutsch im Datenverbräuchlesgewerbe ersetzen.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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