Bauers Depeschen


Montag, 26. September 2016, 1679. Depesche


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FLANEURSALON AUF DEM HOSPITALHOFPLATZ

Am Freitag, 7. Oktober, gibt es auf dem Neuen Hospitalhofplatz ein Fest. Diese Veranstaltung unterstützen wir mit dem Flaneursalon. Mit dabei sind das Duo Steve Bimamisa (g) & Thabile (voc) sowie der Rapper Toba Borke und der Beatboxer Pheel. Beginn 17 Uhr. - Am 3. November ist der Flaneursalon im Esslinger Kabarett der Galgenstricke. Mit dem Kabarettisten Rolf Miller als Spezialgast. Musik: Loisach Marci, Anja Binder & Jens-Peter Abele.



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Die aktuelle StN-Bundesligakolumne



KAMPFESLUSTIG

Nur gut, dass die Bayern nach dem fünften Spieltag erst fünf Spiele gewonnen haben. Man weiß ja nie, was die Münchner sonst noch alles anstellen werden. Damit sind wir beim gehobenen Fußball, der mir etwas Kopf- und Herzschmerzen bereitet, seit ich in dieser Disziplin – so sagt es der Soziologe – keine Teilhabe mehr genieße. Meine Verliererrolle rührt nicht nur vom Schicksal her, seit Jahrzehnten Anhänger eines wieder mal viertklassigen Vereins zu sein. Dass dieser Club Stuttgarter Kickers heißt, ist im gesellschaftlichen Kontext nur insofern wichtig, als mich äußere Umstände sogar dieser kleinen Heimat beraubt haben.

Seit Saisonbeginn bietet unser Sportplatz auf der schönen Waldau einen grausamen Anblick: Die Stehplätze des Fanblocks sind gesperrt und mit Stützpfeilern verschandelt; ein schwerer Dachschaden, für den wie immer keiner verantwortlich ist, hat uns aus der gewohnten Umgebung in ein Freiluftgehege hinters Tor vertrieben. Das ist so, als würde man einen Menschen aus seiner Wohnung werfen und in einen Zwinger ohne Dach sperren.

Über diesen schändlichen Akt hilft auch nicht die sogenannte Fußballromantik hinweg, etwa das historische Kapitel von einem berühmten Rotlicht-Musikanten und Blauen-Fan namens „Kotlett“, der bis in die späten Achtziger hinein in diesem Hintertor-Getto gezittert, gelitten und durchgedreht hat. Meine ewige Rechtfertigung, unsere weltweit einzigartige Kulisse könne jederzeit die leicht fragwürdige Fußballkunst meines Vereins kompensieren, ist inzwischen, mit Verlaub, am Arsch.

Zurück zum gehobenen Fußball. Seit der andere Verein unserer Weltstadt in der zweiten Liga spielt, ist bei der medialen Beschäftigung mit der Bundesliga, dem TV-Glotzen, nicht mal mehr ein local hero ein Angebot – ganz egal, welch traurige VfB-Helden da zuletzt über den Bildschirm stolperten. Ich weiß nicht, ob ich Leidens­genossen habe und schon gar nicht, wie man mit dem Problem umgeht: Wie schaut man sich Bundesligaspiele an, ohne mit einem Verein mitzufiebern oder ihm wenigstens alles Schlechte zu gönnen? Die Spielkunst allein ist doch höchst selten so „über­ragend“ – um dieses schreckliche Branchenwort zu gebrauchen –, den Fußballfreund auch nur halbwegs gut zu unterhalten.

In der Not habe ich mir Emotionskrücken zugelegt: Mit den Dortmundern etwa sympathisiere ich nicht nur, weil sie famose Kunsttücke vorführen. Mehr oder weniger zufällig war ich ein paar Mal in ihrem Stadion, und eine gewisse Verbundenheit schöpfe ich aus dem Wissen, dass sich in der „Gelben Wand“ mir einige bekannte, höchst ehrbare Borussen-Fans die Seele aus dem Leib brüllen. Der BVB ist ihre einzige Konstante: Da gelten nie wie im richtigen Leben politische oder moralische Bedenken. Nicht zu vergessen, dass der Dortmunder Trainer Thomas Tuchel auch mal ein paar Spiele für die Kickers gemacht und eine Weile in der Stuttgarter Radio-Bar, der Wiege des deutschen Hip-Hop, als Kellner gearbeitet hat. Die bewegende Nummer des Ex-Kickersspielers gilt ebenso für den Freiburger Coach Christian Streich, der auch noch als skurriler, einzigartiger, also überaus liebenswerter Freak in der ersten Liga daherkommt.

Mit solchen Gedanken kaschiere ich meinen Mangel an Empathie. Dabei würde ich doch so gern einmal dem Rausch ver­fallen, den der große belgische Schriftsteller Jean­-Philippe Toussaint in seinem kleinen Buch „Fußball“ beschreibt: „Während eines Spiels befinde ich mich in einem infantil-behaglichen Zustand (…) Ich bin Partei, in bin streit- und kampfeslustig, ich beschimpfe den Schiedsrichter (…) Ich prangere den Gegner an. Ich lasse gewalttätigen und aggressiven Regungen freien Lauf, die normalerweise nicht zu meiner Persönlichkeit gehören. Ich billige die Dummheit und das Gewöhnliche. Ich fühle mich wohl – nennen wir das eine Katharsis.“

Auch unsereins müsste dringend mal wieder seine Seele reinigen. Gebt uns auf dem Kickersplatz endlich wieder ein Dach überm Kopf, ihr gottverdammten Pfeifen.



 

Buchtitel: »Joe Bauer - In Stiefeln  durch Stuttgart«
 

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